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Welche Wehr kommt, wenn es brennt?

Schafflund, den 21.​07.​2025

Wenn es brennt, genügt für Jan-Eric Petersen ein Blick auf seine App. „Meine Kameraden melden mir, wer sofort, wer später und wer gar nicht kommt – und meist haben wir nach vier oder fünf Minuten genug Leute, sodass das erste Fahrzeug losfahren kann“, sagt der Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Großenwiehe (Kreis Schleswig-Flensburg).
Ein paar Kilometer weiter bei Wehrführer Björn Stielow in Schafflund, das fast genauso viele Einwohner hat, kann das schon etwas länger dauern. „Ist ja auch klar: Wir haben nur noch fünf Mitglieder in der Wehr, die in der Gemeinde arbeiten“, sagt der 46-Jährige, der von sich sagt, dass er in die Freiwillige Feuerwehr „reingeboren“ worden ist.
Doch das ist nicht mehr bei allen Dorfbewohnern so. „Und weil immer mehr Menschen nicht mehr dort arbeiten, wo sie in der Wehr aktiv sind, mache ich mir schon Sorgen – vor allem um die Tagesverfügbarkeit“, sagt Amtswehrführer Tim Oliver Böwes. Früher habe es in jedem Dorf Landwirte gegeben, die in der Feuerwehr waren, auch Gemeindearbeiter oder Hausmeister der Schulen. Doch davon gebe es immer weniger. Die Mitgliedszahlen der Wehren im Land sind zwar stabil, aber am Tag sind immer weniger Leute verfügbar. Und das wird wegen des Ausscheidens der Baby-Boomer und des demografischen Wandels nicht besser.
Jede Wehr hat eine Sollstärke. Die berechne sich nach dem Besatz eines Löschfahrzeugs, für das neun Leute zur Verfügung stehen müssen. „Das Dreifache muss eine Wehr an Mitgliedern haben, sonst muss der Bürgermeister der Gemeinde reagieren“, sagt der Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbands, Volker Arp. Im schlimmsten Fall droht eine Pflichtwehr, wie es sie schon mehrfach in Schleswig-Holstein gab und wie sie gerade in Sierksdorf an der Ostsee droht. Denn auch dort gebe es Probleme mit der Tagesverfügbarkeit, sagt Arp. „Das ist ein bundesweites Problem.“

Zwölf Minuten nach dem Alarm muss eine Wehr da sein

Nur das kommt eben vor allem in kleineren, sogenannten Schlafdörfern zum Tragen. Deswegen werden je nach Einsatzfall auch die Nachbarwehren mit alarmiert. „Nachbarschaftliche Löschhilfe“ heißt das im Amtsjargon und bedeutet, dass sich Gemeinden in einem Umkreis von 20 Kilometern mit Personal aushelfen. Im Amt Schafflund haben Böwes und seine Kollegen Löschzüge gebildet. Das bedeutet, dass die Feuerwehrleute nicht ins Feuerwehrhaus, sondern direkt zum Unfall- oder Brandort kommen. „Niemand muss in Schleswig-Holstein fürchten, dass keine Feuerwehr kommt“, sagt Arp. „Aber es kann eben manchmal etwas länger dauern.“
Formal müssen die Feuerwehren zwölf Minuten nach Meldung am Einsatzort sein. Dass das nicht alle schaffen, ist ein offenes Geheimnis in den Wehren. „Und dass manche die Tagessollstärke niemals erreichen, auch. Je ländlicher das Gebiet, desto schwieriger wird es“, sagt ein Wehrführer von der Westküste, der aber lieber anonym bleiben will. Offizielle Zahlen dazu habe der Landesfeuerwehrverband nicht, sagt Arp. Die Verantwortung liege bei den Gemeinden.
Jede Wehr muss melden, wer am Tag für sie im Einsatz sein kann. „Niemand kann auf den Mann und den Tag genau festlegen, wie viele Leute da sind“, sagt Arp, der in seiner Zeit als Wehrführer in Laboe bei Kiel Erfahrungswerte als Grundlage genommen hat. Aber natürlich gibt es Schichtdienste, Urlaubs- und Krankheitsfälle, dazu können Feuerwehrleute in Staus geraten und manche Arbeitgeber lassen ihre Mitarbeiter auch ungern ziehen, obwohl sie es müssten. „Aber ich habe auch Verständnis, dass nicht jede Baustelle stillstehen kann, weil alle Mitarbeiter zum Feuerwehreinsatz müssen“, sagt Stielow, der selbst Busunternehmer ist. „Ich kann ja auch nicht den Bus rechts ranfahren.“
Geholfen habe seiner Wehr, dass mehr Menschen aus dem Homeoffice arbeiten. Das ist auch für Petersen ein Vorteil, der das persönlich als Lokführer allerdings nicht in Anspruch nehmen kann. „Aber zu uns sind auch Leute gekommen, die wir gar nicht auf der Rechnung hatten – fertig ausgebildete Feuerwehrleute, die aus der Stadt aufs Land gezogen sind.“ Zudem hat er die Präsenz seiner Wehr in den sozialen Medien erhöht. „Auch das bringt Leute zu uns, auch wenn es mich bestimmt eine Stunde am Tag kostet, weil ich das richtig machen will.“
Stielow weiß, dass das auch seiner Wehr helfen könnte, aber er habe halt niemanden, der sich darum kümmern kann oder will. Dafür baut seine Gemeinde gerade ein neues Gerätehaus, über dem eine Wohnung entstehen soll. „Da kann ich wenigstens wieder einen mehr in der Wehr halten.“ Stielow hofft auch darauf, dass Menschen eine Zweitmitgliedschaft in der Wehr bekommen, die an ihrem Arbeitsort ist. „Nur nützt uns das auch nichts in Dörfern, in denen keiner mehr arbeitet“, sagt Böwes.

Diese Ideen gibt es für mehr Attraktivität
Petersen glaubt, dass eine Aufwandsentschädigung für alle Feuerwehrleute mehr Menschen in die Wehren führen könnte – oder gar eine Art Feuerwehrrente. „Auch wenn wir das hier nicht für Geld machen.“ Nur müssten die zusätzlichen Kosten eben die Kommunen tragen, die ohnehin schon knapsen müssen. Petersen kann sich auch vorstellen, dass Mitarbeiter der Amts- und Gemeindeverwaltung Aufgaben in der Wehr übernehmen, auch wenn er natürlich niemanden dazu zwingen kann.
Der Gruppenführer ist aber schon selbst auf Werbetour gegangen, hat in den Betrieben in seinem Dorf nachgefragt, wer sich den Dienst am Strahlrohr vorstellen kann. „Ich hoffe, dass ich da noch mehr Resonanz bekomme“, sagt Petersen. Denn dann könnte er bei einem Einsatz am Tage und einem Blick auf seine App nicht nur in vier oder fünf Minuten ein Löschfahrzeug vollbekommen: „Dann hätten wir ruckzuck auch das zweite im Einsatz.“

 

Quelle - SHZ Kay Müller

 

Bild zur Meldung: Welche Wehr kommt, wenn es brennt?